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Leichtigkeit und Spielwitz

So ziemlich alles Neue wird doch nur aus Altem zusammengesetzt. Die meisten Bausteine waren schon zu Anbeginn der Welt vorhanden. Die Kunst ist, die Teile richtig zusammenzusetzen. Wie das geht, demonstrierte das Duo Gingerbeat bei der Klangprobe live des „Kölner Stadt-Anzeiger“ im Kulturbunker Mülheim mit einer erfrischenden Leichtigkeit und viel Spielwitz. Keyboarder und Computer-Spezialist Uwe Riedel und Sängerin Elke Espert wollen Sounds von „wahrer Schönheit und Einzigartigkeit“ erschaffen - und bedienen sich dafür bei Dingen des Alltags und in der Rumpelkammer der Evolution. Das Klicken eines alten Foto-Apparates, eine Fahrradklingel, Schritte von Menschen: Solche Musik liegt überall in der Luft. Riedel fängt sie ein und bearbeitet sie am Computer mit Sampler und Keyboard zu Klängen, die wie Giftschlangen sind, schön, aber niemals harmlos und mit viel Biss.

Nur allein mit Geräuschen lassen sich heutzutage allerdings keine musikalischen Revolutionen mehr anzetteln. Doch Riedel, der in einem Essener Museum arbeitet, widmet sich auch der Klang-Archäologie. „Zurück in die Zukunft“ - ist das Ziel. Billige Rhythmus-Maschinen, wie sie in den 60er und 70er Jahren in Heimorgeln eingebaut waren, hat sich der Tüftler besorgt. Aus dem lendenlahmen „Klack, Klack, Klack“ und „Tock, Tock, Tock“ zaubert er bizarre Beats. Die sind mal so treibend wie ein Trommel-Feuerwerk im schwärzesten afrikanischen Dschungel, mal so mitreißend wie eine ganze Fabrikhalle voller stampfender und zischender Maschinen. Und über allem schweben Töne aus einem alten Fender-Rhodes-E-Piano, so hell, klar, vielfarbig und mysteriös zugleich wie ein Regenbogen.

All die alten Schätzchen liebt Riedel, „weil sie warm und natürlich klingen und nicht so steril wie das digitale Zeugs“. Denn schließlich soll das musikalische Neuland, das erschlossen wird, „immer ein Ort mit Seele sein“. Soul vor allem steuert auch Elke Espert mit ihrer herb-melancholischen Stimme bei. Ihr Vortrag ist nicht nur ebenso jazzig wie die Musik, sondern auch so verspielt. „I don't mind anymore, I don't care, the world is just not big enough to share / Mir ist es mittlerweile egal, die Welt ist einfach nicht groß genug für alle“, singt sie im Song „Cities“. Das hört sich ganz nach einem Aufschrei an, nach Resignation ob einer düsteren Zukunft. Doch die Botschaft ist eine andere: „Es sind nur Worte, die einfach wahrhaft schön ins Ohr gehen“, erklärt Elke Espert. Auf Herz und Schmerz zu reimen, wäre da natürlich viel zu einfach. Gingerbeat - die zwischen Köln und Düsseldorf pendeln - erfinden zwar die Musik nicht neu. Doch ist ihr Spiel von jener rätselhaften Schönheit, an der es immer wieder Neues zu entdecken gibt.